Die Ring-Scheibenbremse von Maico

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Die Ring-Scheibenbremse von Maico

Gleichermaßen für die Kenner von deutschen Motorrädern wie für die Liebhaber von Oldtimern dürfte der folgende Blogbeitrag interessant sein. Der Beitrag dreht sich um die Entwicklung einer nachrüstbaren Scheibenbremse für Automobile, die einst vom renommierten schwäbischen Motorradhersteller Maico mit großer Hoffnung auf den Markt gebracht wurde. Dieser Blogbeitrag wurde uns freundlicherweise von dem Technikhistoriker Dr. Frank O. Hrachowy zur Verfügung gestellt.

Die Ring-Scheibenbremse von Maico

Maico wollte sich Anfang der sechziger Jahre vom stark saisonal geprägten Motorradgeschäft unabhängig machen. Denn die Konzentration auf den Bau von Motorädern hieß für die Montagearbeiter: im Sommer Urlaubssperre, ungezählte Überstunden und missliebige Sonderschichten, dafür im Winter Überstunden abfeiern, Werkzeugmaschinen überholen und Lager aufräumen. Neben dem Bau von Geländemotorrädern entwickelte Maico aus diesem Grund auch Laboreinrichtungen für Kliniken, führte in den Wintermonaten allerlei lückenfüllende Auftragsarbeiten aus und fertigte sogar Zweitakt-Kartmotoren für den Export nach Amerika.

Zwar gelang es, mit der Verlagerung des Produktionsschwerpunktes auf Wettbewerbsmaschinen, das Arbeitsaufkommen in den Herbst und Winter zu verschieben, jedoch reichten diese Bemühungen nicht aus, um eine gleichmäßige Arbeitsauslastung zu gewährleisten. Im Mittelpunkt der Expansionsbestrebungen stand daher seit 1962 die Einführung einer selbstgefertigten, ungewöhnlichen Ring-Scheibenbremse, die man als Zulieferer an die Automobilhersteller oder als Nachrüstsatz an interessierte Sportfahrer verkaufen wollte. Mit der Produktion dieser Bremse sollte endlich eine gleichmäßigere und saisonunabhängige Auslastung der beiden Werke erreicht werden.

Bereits im Jahr 1962 hatte die Geschäftsführung von Maico, die Brüder Otto und Wilhelm Maisch, von der Entwicklungsgesellschaft OJR (Oswald Josef Rosamowski) das produktionsreife Patent für ein fertig entwickeltes Bremssystem gekauft, um es in Lizenz fertigen zu können. Diese jetzt unter der Bezeichnung „Maico-Ringscheibenbremse“ angebotene Konstruktion war leicht zu montieren, sie wog nicht wesentlich mehr als eine herkömmliche Trommelbremse und sie war nicht teuer in der Anschaffung. Darüber hinaus wurde ein Automobil durch den Umbau auf Scheibenbremsen deutlich aufgewertet, denn nur Sportwagen oder Luxusfahrzeuge hatten zu dieser Zeit an den Vorderrädern die gegenüber Bremsfading unempfindlicheren und gleichmäßiger bremsenden Scheiben montiert.

Otto und Wilhelm Maisch planten die Produktion und den Verkauf von rund 1.000 Bremssätzen pro Monat. Das war ein hochgestecktes Ziel. Trotzdem befand sich Maico in der Zwickmühle: Wollte man beispielsweise bei einem Großproduzenten wie VW als Bremsenzulieferer ins Geschäft kommen, so hätte man täglich (!) rund 1.000 Bremssätze nach Wolfsburg liefern müssen. Undenkbar für eine kleine Firma wie Maico, deren Produktionskapazitäten für solche Stückzahlen niemals aufrüstbar war.

Als Preis für den Umbausatz nannte Maico 115,– DM pro Rad für den VW Käfer. Hierzu addierten sich die Montagekosten für den mit einer halbe Stunde pro Rad veranschlagten Arbeitszeitaufwand sowie die Gebühren für die TÜV-Vorführung und den Briefeintrag. Der Maico-Bremssatz bestand aus lediglich vier Komponenten, die aus insgesamt 26 Teilen zusammengefügt waren: Bremssattelträger, Bremssattel (inkl. zweier Bremsklötze), Bremsscheibe und Radnabenstern. Die Montage war denkbar einfach, denn sowohl der Hauptbremszylinder als auch die Bremsleitungen respektive -schläuche blieben vollkommen unverändert. Die Bremsscheibe dieser Scheibenbremse wurde als lediglich 6 mm dünner Ring ausgeführt. Dieser sogenannte Bremsring (die eigentliche Bremsscheibe) wurde nicht in herkömmlicher Bauart von außen von einem Bremssattel zangenförmig umgriffen, denn Maico ging den umgekehrten und durchaus ungewöhnlichen Weg, indem man den Bremsring (die Bremsscheibe) von der Innenseite her umfasste. Das Resultat: geringeres Gewicht, größerer Durchmesser der Scheibe, bessere Bremswirkung und effektivere Wärmeabführung.

Auch die Ausführung des Sattels als verschiebbarer Schwimmsattel war eine kluge, Platz und Kosten sparende Lösung, denn auf diese Weise konnte man sich den zweiten Radbremszylinder sparen. Ein weiterer Grund für diese ungewöhnlich anmutende, vom Magazin „hobby“ in der Ausgabe vom 19. Juni 1963 gar als „primitiv“ titulierte Lösung war freilich, dass Maico darauf achten musste, nicht die Patente anderer Bremsenhersteller wie Dunlop, Girling, ATE, Lockheed oder Bendix zu verletzen. Freilich war eine Ähnlichkeit mit dem Scheibenbremssystem, das die Firma Porsche 1962 für einige Rennsportwagen verwendet hatte, nicht von der Hand zu weisen. Allerdings wirkte die Porschebremse deutlich stabiler und seriöser als das recht fragil aussehende Maico-System.

Tester der Fachzeitschrift „auto, motor und sport“ wollten jedenfalls die Maico-Werbung auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und rüsteten 1963 einen VW 1200 auf diese Maico-Bremsen um. Die Redakteure konstatierten ein weicheres und gleichmäßigeres Ansprechen der Bremsen und eine verblüffend starke Bremswirkung, die nur geringe Pedalkräfte notwendig machte.

„Die serienmäßige VW-Trommelbremse“, so die Tester, „wird in der Wirkung und in der Standfestigkeit [...] klar übertroffen.“ Anschließend unterzog der junge Redakteur Gert Hack die Maico-Konstruktion einem Härtetest im Schwarzwald. Nach einer halsbrecherischen Abfahrt, die die Bremsflüssigkeit bei der Ankunft im Tal zum Sieden brachte, das Bremspedal zum Niedersinken auf das Bodenblech, die Bremsscheiben zur Rotglut, die hinteren serienmäßigen Bremstrommeln zum Qualmen und die Bremsbeläge bis auf die Nieten abhobelte, kam der wagemutige Tester zu dem Ergebnis: „Eine Abfahrt in dieser Form wäre mit der serienmäßigen Trommelbremse nicht möglich gewesen.“ Insgesamt zeigte sich Redakteur Hack begeistert von dieser neuen Bremse, stellte aber gleichzeitig die Sinnhaftigkeit dieser Nachrüstung im VW 1200 infrage. Denn für den täglichen Gebrauch zeigte sich die serienmäßige Bremse des VW vollkommen ausreichend, wenn auch die Maico-Scheibenbremse etwas gleichmäßiger ansprach.

Bald bot Maico diese Umrüstsätze außer für den VW 1200 und 1500 ebenso für den Porsche 356, den Karmann Ghia sowie den Peugeot 404 an. Doch das Maico-Bremssystem verschwand bald in der Versenkung: Einerseits erreichten mittlerweile die Trommelbremsen in den Automobilen eine Reife, die die Maico-Bremse im normalen Gebrauchswagen überflüssig werden ließ, andererseits wurden auch weniger exklusive Sportwagen immer öfter serienmäßig mit den Scheibenbremssystemen der großen Bremsenhersteller ausgerüstet. Für die Maico-Ringscheibenbremse brachen beide Märkte ersatzlos weg. Das Magazin „Gute Fahrt“ („Zeitschrift für den Volkswagenfahrer“) brachte es ein Jahr später, im Sommer 1964, auf den Punkt: „Die Maico-Scheibenbremsen sind nicht besser als die Trommelbremsen des VW 1200, sie sind aber auch nicht schlechter.“

Wir bedanken uns für die redaktionelle Unterstützung:

Dr. Frank O. Hrachowy - www.scriptec.de
Andreas Hendl - www.oval56.de
Redaktionsleitung Gute Fahrt - www.gute-fahrt.de

Lesen Sie hier im angehängten PDF-Dokument einen Fahrbericht zur Maico Scheibenbremse aus dem Automagazin Gute Fahrt Ausgabe 7/64.

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Kommentar von born-dieter |

hallo,ich hätte gerne mehr infos zu dieser stern-scheibenbremse, am liebsten telefonisch. 06032-857xxx danke

Kommentar von Klaus J. Keller |

Nachdem ich gerade über einen Satz nagelneuer VW- Käfer- Bremsklötze für die Maico- Stern- Scheibenbremse, die seit bald 50 Jahren in meiner Garage liegen, stolperte, suchte ich auf gut Glück mit google im Internet und war erstaunt, diesen guten Artikel zu finden, bravo!
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