Quietschende Bremsen – warum eigentlich?

(Kommentare: 5)

Bevor die Frage beantwortet werden kann, muss vorher auf jeden Fall geklärt werden: Für welchen Zweck soll der Bremsbelag tauglich sein? Wo soll er eingesetzt werden? Auf öffentlichen Straßen, im Sportfahrerbereich, im Motorsport? Diese Fragen im Vorfeld zu beantworten ist unumgänglich, denn ein Bremsbelag ist immer ein Kompromiss aus Leistung, Komfort und Lebensdauer. Einen Bremsbelag der alles kann, gibt es nicht!

Demzufolge gilt: Je sportlicher ein Bremsbelag abgestimmt ist, desto eher neigt er zum Quietschen. Das bedeutet für Sportbremsbeläge: Quietschen ist kein Qualitätskriterium, es stellt produkttechnisch keinen Mangel dar.

 

Aufbau eines modernen Serien Bremsbelags von ATE

Maßnahmen zur Reduzierung

Moderne Bremsen im Automobil funktionieren immer auf die gleiche Weise: Ein fest stehender Reibbelag wird an eine sich drehende Bremsscheibe oder Bremstrommel gedrückt, um durch die entstehende Reibung die Drehgeschwindigkeit der rotierenden Bremsscheibe bzw. -trommel zu verringern. Da jedoch Energie laut den Gesetzen der Physik niemals vernichtet, sondern nur in eine andere Energieform umgewandelt werden kann, entsteht in erster Linie Reibungshitze. Leider wird die kinetische Energie zum Teil auch in eine unerwünschte, akustisch lästige Energieform umgewandelt – nämlich in hochfrequente Schallwellen.

Seit vielen Jahrezehnten existiert dieses Problem des Bremsenquietschens bei Automobilen, und viel wurde schon versucht, um es nachhaltig zu lösen. Das Vermeiden des Quietschens ist eine wichtige Komfortfunktion, die bei der Konstruktion einer Automobilbremse aufwendig geplant und bei der Produktion der Serienbremsbeläge für die Erstausrüstung gezielt berücksichtigt wird. Der Schichtaufbau des Belags, die Dämpfungsbleche, die Materialmischung sowie die gesamte Reibpaarung müssen auf das jeweilige Fahrzeug abgestimmt sein.

Grundsätzlich bedeutet ein Quietschen der Bremse, dass die Komponenten in eine unerwünschte Eigenschwingung geraten. Hervorgerufen werden diese unerwünschten Eigenschwingungen durch ein ungleichmäßiges Reiben und Gleiten der Bremsbeläge. Wird die gleichmäßige Gleitbewegung von einem kurzzeitigen „Festkleben“ und Lösen der Reibflächen gestört, geraten die Komponenten in Eigenschwingung. Dieses sich im Bereich von Millisekunden abspielende Phänomen nennt sich Stick-Slip-Effekt.

Die konstruktive Herausforderung beim Vermeiden von Störgeräuschen, der sich sowohl Bremsen- als auch Automobilproduzenten in der Vergangenheit stellen mussten, besitzt mehrere Facetten. Jeder Autofahrer sollte daher wissen: Es gibt etliche, ganz verschiedene Gründe für das Bremsenquietschen. Am Rande sei noch erwähnt, dass Scheibenbremsen hinsichtlich ungewollter Geräuschentwicklung anfälliger sind als Trommelbremsen.

Unsaubere Montage: Vor der Montage von neuen Bremsklötzen müssen Bremskolben, Führungsschächte und Bremszange gesäubert werden. Neue Bremsklötze werden zumeist mit „gebrochenen Kanten“ geliefert. Von einem eigenmächtigen Abschrägen der Kanten ist abzuraten, denn damit verfällt die Herstellergarantie für das Produkt. Die Kanten der Trägerplatte des Belags und die Rückseite des Belags sollten dünn mit Antiquietschpaste bestrichen werden. Im Zubehörhandel werden darüber hinaus universell einsetzbare Antiquietsch-Pads angeboten, die nachträglich auf die Trägerplatte aufgelebt werden können.

Mischung / Zusammensetzung eines Bremsbelags, Bild von ATE

Gefügeveränderungen: Trotz sauber montierter, hochwertiger Bremskomponenten kann es trotzdem zum Quietschen kommen. Ursache ist dann meist eine Überlastung der Bremse beim Einfahren. Trotz moderner Fertigungsmethoden gilt noch immer, dass Bremsen während der Einfahrzeit nicht voll belastet werden dürfen. In dieser Zeit soll sich nämlich ein gutes Tragbild aufbauen. Dabei gilt es zu unterscheiden: Motorsportbeläge haben so gut wie keine Einfahrzeit, bei Serienbelägen beträgt die Einfahrzeit bis zu 500 Kilometer, sportive Beläge können durchaus etwas mehr als 500 Kilometer benötigen, bis sie optimal arbeiten. Durch eine zu frühe, volle Belastung überhitzt der Belag und verglast, wodurch sich nicht nur die spätere Bremswirkung verschlechtert, sondern auch das Bremsenquietschen entscheidend begünstigt wird. Diese „Glasschicht“ an den Klötzen lässt sich mit feinem Schmirgelpapier abschleifen.

Eine weitere, auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche, aber durchaus verbreitete Ursache für Bremsenquietschen liegt im Unterfordern (!) der Bremse. Konkreter ausgedrückt: Erreichen die Bremskomponenten dauerhaft nicht ihre optimale Betriebstemperatur, verändert sich ebenfalls die Oberfläche des Belags. Die Bremswirkung sinkt und die Bremsen fangen an zu Quietschen. Hier helfen einige kräftige Bremsmanöver, um die Belagoberfläche wieder sauberzufahren und damit die Geräuschentwicklung abzustellen.

 

glühende Bremsscheibe

Sportiv und Rennsport

Sportive Bremsbeläge oder gar Motorsportbeläge neigen aufgrund ihrer Leistung und ihres Einsatzgebiets eher zum Quietschen als Serienbremsbeläge. Denn bei der Frage der Abstimmung muss sich der Konstrukteur eines Bremsbelages entweder auf Leistung, auf Lebensdauer oder aber auf Komfort fokussieren. Bremsbeläge für den sportiven Einsatz verfügen über mehr Biss (also Bremsleistung), was aber zu Lasten des Komforts und/oder der Lebensdauer geht.

Sportiv- und Motorsportbremsbeläge sind vorrangig für ihre Aufgabe konstruiert. Die Konzentration auf das Wesentliche bedeutet im Rennsport natürlich die Konzentration auf die bestmögliche Bremsleistung. Der Kompromiss aus Leistung, Lebensdauer und Komfort eines Serienbremsbelags ist in einem Sportbremsbelag nicht zu gebrauchen. So lässt sich pointiert sagen: Quietscht eine Bremse mit einem Sportbremsbelag, zeigt es, dass der Konstrukteur seine Arbeit gut gemacht hat. Das Quietschen stellt hier keinen Mangel dar, denn es gehört sozusagen „zum guten Ton“ einer konsequent abgestimmten Sportbremse.

 

Fazit

Je sportlicher und leistungsoptimierter ein Bremsbelag ist, desto mehr neigt er zum Quietschen. Quietschen gehört zum guten Ton!

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Kommentar von Volker |

Ich fahre einen Renault Megane RS Bj.05/14 mit 19 Zoll Sommerreifen. Bereits bei Auslieferung hatte ich dieses lästige Quietschgeräusch beim Bremsen. Nachdem im Winter die 18 Zoll Winterreifen aufgezogen waren, war das Geräusch schlagartig verschwunden. Jetzt bei Sommerreifenwechsel mit 19 Zoll Sommerreifen wieder das nervige Quietschen. Bei meinem Wagen ist eine Brembo Sport Bremsanlage eingebaut ohne gelochte Bremsscheiben.
Vielleicht weiß hier jemand Abhilfe!! Bin für jeden Hinweis dankbar!!

Kommentar von Marko |

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt das egal wie "sauber" oder "Antiquitschblech" oder "Kupferpaste" wenn der Belag nicht zu der Scheibe konmpatibel ist hilft nur Tauschen!!! Bestes Beispiel Zimmermann bekannter Hersteller hab ich in meinen BMW eingebaut ATE Beläge drauf ging gar nicht!!!
Quitschen von anfang an. Scheiben getauscht gegen ATE Powerdisk perfekt!!!
Nächstes Beispiel Audi A6 Jahrelang Zimmermann Scheiben und EBC Beläge perfekt nur Preislich naja sind die EBC auf dauer zu teuer. Also gewechselt gegen Taxtar Beläge quitschen ohne ende also dachte ich mir naja die Scheiben sind eh nicht mehr so doll also neu. Brembo Sport Max Scheiben drauf und genau das gleiche wieder nervendes quietschen. Also werde ich jetzt wieder die Beläge Wechseln probiers jetzt mal mit Brembo....

Kommentar von Fuchs |

"Ein paar Mal kräftig Bremsen und schon verschwindet das Quietschen" - leider ein Märchen, kann man vergessen. Hat noch nie was gebracht.

Was im Artikel auch noch fehlt: oft gibt es Führungsfedern, bzw. -schienen, gerade diese müssen unbedingt oben und unten mit Montagepaste behandelt werden, da sie Quietschen erzeugen können.

Kommentar von Phillip |

Sicherlich bekommt man jede Bremse zum blockieren, alles andere ist in der StVO auch nicht zugelassen! Es ist viel mehr die Frage wie oft hält ein Bremsbelag scharfe Bremsmanöver aus und wieviel Bremsdruck ist erforderlich um die selbe Reibung an einem Rennsportbelag zu erzeugen als an einem Straßenbelag.

Rennsportbeläge behalten Ihre Volle Leistung auch über mehrere Runden feinsten Rennsports über bei, eine gewöhnliche Serienbremse kann nach einer Vollbremsung hinüber sein.

Einfach mal das eigene Fahrzeug am Limit, eine Runde - wenn es die überhaupt schafft - auf der Nordschleife bewegen lassen, dann dürfens direkt neue Beläge sein.

Kommentar von Jogi |

Man kann auch jeden Mangel schön reden. Fazit ist eher, dass man jede moderne Bremsanlage zum Blockieren bekommt; ABS ausgeschaltet. Damit kann man grundsätzlich sagen, dass jede moderne Bremsanlage ihren Zweck erfüllt. Unterschiede gibt es in der Feinfühligkeit und der Auffindbarkeit von Druckpunkten, ebenso wie stark die Bremse anspricht. Quitschen gehört definitiv nicht zu den erwünschten Eigenschaften. Es belastet Umwelt und Nerven. Mit Qualität hat das nichts zu tun, aber ist natürlich auch kein tödlicher Mangel, wenn die Bremse sonst ihren Dienst tut. Ich habe jedoch noch niemanden getroffen der gesagt hat: "Gebt mir bitte die quitschenden Beläge, denn die sind die effektivsten." Gober Unfug also. Prima geeignet um Kunden unausgegorenes Zeug anzudrehen.
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